Es misst nicht viel mehr als sechs Zentimeter – aber seine Ausdruckskraft ist alles andere als klein. Das kleine Figürchen aus Knochen stammt aus der Taíno-Kultur, die auf den Antillen-Inseln der Karibik beheimatet war, und ist das neueste Stück in unserer Sammlung.
Die Zemi-Figurine der Taíno
Das Figürchen, das die Taíno anfertigten, gehört zu ihrem Kult um „Zemi“, die sich als Verkörperung der Ahnen, Naturgeister oder auch Göttergestalten interpretieren lassen. Typisch sind der überdimensionierte Kopf mit großen leeren Augen und der offene Mund über die ganze Breite des Gesichts, eingerahmt von großen Ohren, die von vorne die Form von zusammengekauerten menschlichen Gestalten erscheinen lassen. Auf der Rückseite der Figurine vereinen sich die beiden Ohren zu einem ornamentalen taillierten Band, dessen Enden an aufgesperrte Krokodilsmäuler denken lassen.
Die Form des restlichen Körpers bleibt rätselhaft. Sitzt der Kopf etwa direkt auf den Beinen? Oder sind doch kurze Arme dargestellt, und die drei horizontalen Streifen im unteren Teil wären dann Finger und darunter nur angedeutete Füßchen?
Auffällig ist das Loch im unteren Drittel. Wer andere Zemi-Darstellungen kennt, weiß, dass oft der Nabel hervorgehoben wird durch Kuhlen, Punkte oder Ringe.
Trotz der bizarren Formen und Proportionen, selbst trotz des fratzenhaften Gesichtsausdrucks wirkt die Figur nicht unbedingt erschreckend, sondern faszinierend mehrdeutig und zieht in ihren Bann. Die Skulptur vereint die bemerkenswerten Bildfindungen der Taíno-Kultur, die zu Unrecht weit weniger bekannt ist als die der Maya, Azteken, Olmeken oder Inka.
Tödliche Begegnung für ein friedliches Volk
Für das Volk der Taíno hatte die Begegnung mit Christoph Kolumbus am 12. Oktober 1492 auf einer der von ihnen bewohnten Inseln tödliche Folgen. Innerhalb von Jahren war von dem stolzen Volk der drei bis vier Millionen Taíno praktisch nichts mehr übrig. Ihre Kultur zerstört, ihr Gold geraubt, ihre Sprache ausgestorben und ihre Angehörigen versklavt, ermordet oder von Krankheitserregern der Invasoren dahingerafft.
Dabei war es bis dahin eine blühende Zivilisation, die sich in den Jahrhunderten zuvor über die Inseln der Antillen ausgebreitet hatte. Eine bemerkenswert friedliche Kultur zudem, die keine Kriege unternahmen und keine Waffen herstellten, um sie gegen Menschen zu richten, allenfalls um Kleintiere zu erbeuten. Im Unterschied zu anderen Hochkulturen Mesoamerikas kannten sie keine kultischen Opferungen von Tieren oder gar Menschen. Sie bauten weder Tempel noch Altäre oder große Götterstatuen, weshalb Kolumbus in sein Bordbuch notierte, sie wären sicher leicht zu bekehren, da sie keine Götter und Religionen besäßen und überdies völlig arglos seien und den Spaniern äußerst offen und freundlich begegneten.
Was Kolumbus zu der Glaubensfrage meinte, war allerdings ein Irrtum. Offenbar erkannte er den Zemi-Kult nicht als praktizierte Religion an. Oft weisen die Zemi-Skulpturen und -Reliefs große Köpfe, leere Augenhöhlen, aufgerissene Münder oder gefletschte Zähne auf. Skelettartig treten Rippen und Rückenwirbel hervor. Sie stellen offensichtlich keine Menschen dar, sondern Mischwesen, und verkörpern Zustände des Übergangs, der Transformation: zwischen Tier und Mensch, zwischen Lebenden und Toten, zwischen Geisteswesen und Körperwesen. Die eigentümlichen Figuren waren keine reinen Darstellungen von Fantasiewesen, sondern reale Vergegenwärtigungen der jenseitigen Sphäre. Sie dienten der Verbindung der Menschen zu der Welt ihrer Ahnen und der metaphysischen Natur.
Die Skulpturen der Taíno sind nicht nur handwerklich meisterhaft, sondern besitzen eine ebenso ausgeprägte wie ausdrucksstarke Formensprache, die expressive und (alb-)traumhafte Elemente aufweist und mit verschlungenen Linienmustern mischt. Eine Schriftsprache entwickelten sie nicht, doch lassen sich ihre eigenartigen Bildformen durchaus als sprachlicher Ausdruck lesen.
Vermächtnis der Taíno: Barbecue und Tabak, Rucksack und Hängematte
Die überlieferten Skulpturen bilden das Vermächtnis des untergegangenen Volkes. Und wir haben einige ihrer Wörter übernommen: Mais, Papaya, Tabak, Barbecue, Kaiman, Savanne, Hurrikan, Kanu. Und nicht zuletzt werden zwei Erfindungen der Taíno bis heute weltweit gerne genutzt: der Rucksack und die Hängematte.

Zemi-Figurine, Taíno, Dominikanische Republik, vor 1500 v. Chr., Bein, 6,36 × 3,1 × 1,68 cm, 19,2 g